„Es tut mir leid, dass dir das passiert ist.“ Wie sehr ich diese Wortwahl doch mittlerweile hasse. Ja, sogar in diesem netten, gutgemeinten Satz. Denn: Mir ist nichts passiert. Mir wurde etwas angetan, von einem Täter.
Warum das ein Unterschied ist? Weil Sprache Wirklichkeit formt. Und weil Worte – auch wenn sie liebevoll gemeint sind – manchmal genau das verschleiern, was eigentlich benannt werden müsste: die Verantwortung der Täter. Darüber müssen wir reden.
Wortwahl entscheidet – auch über Schuld und Verantwortung
Wenn du sagst, mir sei „etwas passiert“, klingt das nach Zufall. Nach einem unglücklichen Ereignis, wie ein Sturz auf glatter Straße oder ein verlorener Schlüssel. Etwas, das einfach geschieht, ohne dass jemand es bewusst herbeiführt. Doch das trifft nicht zu. Was mir widerfahren ist, war keine Laune des Schicksals. Es war eine Entscheidung. Eine Handlung. Ausgeführt von einem Menschen, der Verantwortung trägt. Von einem Täter. Der Täter hat mir etwas angetan.
Diese scheinbar kleine sprachliche Verschiebung hat große Auswirkungen. Sie nimmt dem Täter die aktive Rolle und verlagert das Geschehen in eine passive, fast neutrale Ebene. Und genau das ist problematisch. Denn wenn wir nicht klar benennen, dass Gewalt, Übergriffe oder Grenzverletzungen von jemandem ausgehen, verwischen wir die Grenzen zwischen Zufall und Schuld.
Vielleicht hast du diesen Satz selbst schon gesagt. Ich habe ihn oft gesagt, weil ich nicht darüber nachgedacht habe, wie viel eine Formulierung verändern kann. Vielleicht wolltest du trösten, Nähe zeigen, Mitgefühl ausdrücken. Und das ist auch wichtig. Wirklich. Aber es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, wie du es anders formulieren kannst.
Zum Beispiel so: „Es tut mir leid, dass dir das angetan wurde.“
Oder: „Es tut mir leid, dass jemand dir das angetan hat.“
Spürst du den Unterschied? Plötzlich ist da ein Gegenüber, das handelt. Plötzlich wird klar: Hier gibt es eine Verantwortung, die nicht bei der betroffenen Person liegt.
Gerade für Menschen, die Gewalt erlebt haben, ist diese Unterscheidung entscheidend. Denn viele kämpfen ohnehin mit Schuldgefühlen, mit Fragen wie: „Hätte ich etwas anders machen können?“ oder „War es irgendwie meine Schuld?“ Wenn dann auch noch die Sprache suggeriert, es sei einfach „passiert“, verstärkt das oft die Verwirrung, die Scham und das Schuldgefühl. Während sie gleichzeitig den Täter der Schuld entheben.
Klare Worte können dagegen entlasten. Sie können dir – oder jeder betroffenen Person – zeigen: Du bist nicht verantwortlich für das, was dir angetan wurde. Jemand anderes hat eine Grenze überschritten. Jemand anderes hat entschieden, dir Schaden zuzufügen.
Das bedeutet nicht, dass du ab jetzt jedes Wort auf die Goldwaage legen musst. Aber es bedeutet, bewusster zu sprechen. Hinzusehen. Nicht auszuweichen, wenn es unangenehm wird. Und vor allem kein Victimblaming oder Victimshaming zu betreiben.
Denn Sprache ist nicht neutral. Sie kann verschleiern oder aufklären. Sie kann kleinmachen oder stärken. Und manchmal liegt in einer kleinen Veränderung – einem einzigen Satz – ein großer Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit.
Also, wenn du das nächste Mal Mitgefühl ausdrücken willst, frag dich: Benenne ich wirklich, was passiert ist? Oder verstecke ich es hinter harmlos klingenden Worten, weil eben nichts „passiert“ ist, sondern weil ein Täter jemandem etwas angetan hat?
Es ist kein Detail. Es ist ein Unterschied, der zählt.
Wortwahl in der Berichterstattung – Warum sie sich hier ändern muss
Gerade in der Berichterstattung begegnet dir diese verharmlosende Sprache immer wieder: „Eine Frau wurde Opfer eines Übergriffs“ oder „Es kam zu einem sexuellen Zwischenfall“. Formulierungen wie diese lassen Taten abstrakt wirken, fast wie Naturereignisse, die einfach geschehen.
Doch auch hier gilt: Nichts „kommt“ einfach so. Hinter jeder Tat steht ein Mensch, der gehandelt hat. Wenn Medien das nicht klar benennen, tragen sie dazu bei, Verantwortung zu verwässern und Gewalt sprachlich zu entkoppeln von denen, die sie ausüben. Das ist eine Form des Täterschutzes.
Für dich als lesende Person bedeutet das, kritisch hinzuschauen und solche Formulierungen zu hinterfragen. Und für Journalist:innen sollte es ein Anspruch sein, präzise zu schreiben: Wer hat was getan? Wem wurde was angetan? Denn auch öffentliche Sprache prägt, wie wir über Schuld, Verantwortung und Betroffene denken – und ob wir den Mut haben, Dinge klar auszusprechen.
Die Frage nach dem Warum ändert sich mit der Wortwahl
„Am 28.03.2026 werden in Witten eine Frau und ihre zwei Kinder niedergestochen.“ Bei einer derartig formulierten Berichterstattung stellt sich sofort die Frage nach dem Warum. Warum ist ihnen das „passiert“? Was haben die wohl falsch gemacht?
Vergleich das mit „Am 28.03.2026 sticht in Witten ein Mann seine Frau und seine zwei Kinder nieder. Ermittlungen gegen den Täter laufen.“ Dann verändert sich auch die Frage nach dem Warum. Warum hat er das seiner Familie angetan? Was stimmt bei dem nicht? Wie geht es Frau und Kindern – also den Opfern? Wir reden automatisch über den Täter und sorgen uns um die Opfer.
Ganz genauso verhält es sich, wenn über Vergewaltigungsopfer gesprochen wird, als seien sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen oder hätten das falsche Outfit angehabt.
„Frau wird vergewaltigt“ – passiert, ne. Wer weiß, was die falsch gemacht hat. Könnte mir nicht passieren, denn ich mache immer alles richtig. An den Täter wird kaum ein Gedanke verschwendet.
„Vergewaltiger auf freiem Fuß, nach seiner Tat am 12.4.2026“ – das klingt ganz anders, oder? Damit wird klargemacht, dass es sich hier um einen Täter handelt, der sich ungehindert das nächste Opfer suchen kann und schon mindestens eine Person zum Opfer gemacht hat. Da fragt niemand mehr, was das Opfer falsch gemacht haben könnte. Da gehen die Schuld und die Verantwortung stattdessen an die Stellen, wo sie hingehören: zum Täter und zu denen, die ihn frei rumlaufen lassen, damit er weiteren Menschen etwas antun kann.
Wir müssen endlich über die Täter sprechen – und zwar richtig
Opfern ist nichts passiert. Ihnen ist nicht bei starkem Wind ein Ast auf den Kopf gefallen – was schlimm ist, aber wofür niemand so richtig etwas kann. Die Person nicht, weil sie dringend dort lang musste. Der Baumbesitzer nicht, weil der Ast zuvor keinen Schaden aufwies. Der Wind nicht, weil er eben der Wind ist.
Opfern von Gewalttaten wurde etwas angetan. Von einem Täter. Von einem Menschen mit böser Absicht, der ohne Rücksicht auf Verluste Taten beging und oft genug auch danach noch begeht. Wie wir über diese Täter sprechen und schreiben, ist entscheidend, um keinen unbewussten Täterschutz zu betreiben.
Nicht nur für die Opfer, die es durch ihre Taten bereits gibt. Sondern auch für die, die durch die Täter noch zu Opfern gemacht werden.







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