Warnzeichen für Narzissten sind anfangs oft subtil und kaum zu erkennen. Über diese Red Flag können Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung aber sogar ihre Opfer lange Zeit hinwegtäuschen: Sie können nicht allein bleiben. Die Gefahr für dich und die Gründe dafür erfährst du hier.
Ein geheimes Warnzeichen von Narzissten: die Unfähigkeit, allein zu sein
Personen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung unterteilen die Menschen in ihrem Leben in zwei Kategorien: Publikum und Opfer. Ihr Publikum besteht aus allen Menschen, denen sie ihr wahres Gesicht nicht zeigen. Also Freunden, Nachbarn und Kollegen – aber auch künftigen Opfern. Ihnen spielen sie den tollen Typen vor.
Ihre Opfer sind für gewöhnlich Partner und Kinder. Diese werden nicht nur manipuliert und kontrolliert. Sie werden als Hauptzufuhr ausgenutzt und kennen das wahre Gesicht des Narzissten nur zu gut. Sie leiden unter ihm. Zusätzlich bemerken sie mit der Zeit auch Warnzeichen für Narzissmus, die anfangs und von anderen oft übersehen werden – zum Beispiel die Unfähigkeit, allein zu bleiben.
Weder mit ihren Freunden und Kollegen noch mit Partner/in und Kindern führen Narzissten wirkliche Beziehungen. Sie können keine echten Freundschaften schließen und keine Liebe empfinden. Warum wollen sie also dennoch ständig von anderen umgeben sein?
Warum wollen Narzissten nicht allein bleiben?
Narzissten verlassen eine Partnerschaft erst dann freiwillig, wenn sie bereits eine neue Zufuhr gefunden haben. Sie sind oftmals Social Butterflies, knüpfen schnell Kontakte und können andere in kürzester Zeit um den Finger wickeln.
Der Grund dafür liegt in ihrem Bedarf nach narzisstischer Zufuhr. Sie brauchen andere Menschen dafür, die sie anerkennen, bewundern, sich von dem Narzissten manipulieren und belügen lassen, mit denen sie Streit anfangen können – oder die sie einfach von sich selbst ablenken.
Narzissten sind regelrecht abhängig von anderen.
Ebenso wie ein Raucher jederzeit Zigaretten in Reichweite haben möchte und nervös wird, wenn sie sich dem Ende nähern, will ein Narzisst jederzeit sein „Suchtmittel“ zur Verfügung haben und kann Angst bekommen, wenn kein Mensch zur Verfügung steht, der ihm seine Zufuhr gibt.
Diese Angst kommt wiederum daher, dass Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung sehr genau wissen, dass sie innerlich leer sind, sich minderwertig fühlen und, dass ihr Verhalten gegenüber anderen verachtungswürdig ist. Sie haben fragile Egos, die jederzeit von anderen bestätigt werden müssen, und das muss durchaus nicht immer positiv sein. Streitigkeiten und Drama funktionieren ebenfalls. Hauptsache: Ablenkung und andere Menschen.
Denn allein sein bedeutet Zeit und Raum für Selbstreflektion und die fiele bei Narzissten mehr als schlecht aus. Also flüchten sie davor. Mit anderen Worten:
Narzissten finden sich selbst so furchtbar, dass sie ihre eigene Gesellschaft nicht ertragen.
Extrovertiert oder Narzisst?
Introvertierte Menschen sind durch soziale Kontakte schnell angestrengt. Vor die Wahl gestellt, ob sie allein zu Hause ein Buch lesen oder an einer glamourösen Party teilnehmen, nehmen sie das Buch. Sie ziehen Kraft aus dem Alleinsein.
Extrovertierte Menschen ziehen Kraft aus Interaktionen mit anderen. Dabei muss es sich keinesfalls immer um große Gruppen handeln. Tiefe Gespräche mit guten Freunden oder gemütliches Beisammensein gehören ebenfalls dazu. Und ebenso wie Introvertierte Freunde haben und gelegentlich auf Partys gehen, bleiben Extrovertierte problemlos allein. Sie fühlen sich dabei schneller einsam, haben aber keine Angst davor und sind nicht auf der Flucht vor sich selbst.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Narzissten und Extrovertierten. Narzissten vermeiden das Alleinsein um jeden Preis. Sie genießen auch die gelegentliche Me-Time nicht und greifen zu teils absurden Mitteln und Maßnahmen, um sie zu vermeiden.
Das bringt uns direkt zur nächsten Frage:
Was machen Narzissten, wenn sie allein sind?
Die meisten Menschen freuen sich auf ihre Me-Time. Endlich mal keine Gespräche führen, keine Wünsche von anderen erfüllen, keine Rücksicht nehmen müssen. Vielleicht willst du mal wieder ungestört stundenlang zocken können, dich ohne Ablenkung in ein Buch vertiefen oder in der Wanne abtauchen.
Steht Zeit allein bei Narzissten an, werden sie panisch, verzweifelt und wütend. Das kann absurde Blüten treiben. Stell dir vor, dein (männlicher) Partner diskutiert stundenlang mit dir und fragt dabei 80-Mal: „Warum darf ich denn nicht mit zu deinem Frauenabend?!“ oder deine Partnerin bricht einen Streit mit dir vom Zaun, kurz bevor du das Haus verlassen willst für einen wichtigen Termin. Und macht das jedes einzelne Mal, wenn sie anderenfalls allein wäre.
Was passiert nun aber, wenn der Narzisst das Alleinsein einfach nicht vermeiden kann?
Ablenkung und Abwehr
Er bleibt so lange wie möglich bei der Arbeit und erledigt dort in Zeitlupe Aufgaben – oder er unterhält sich noch ewig mit Kollegen. Je kürzer der Feierabend, desto besser. Er kontaktiert jeden in seinem Telefonbuch oder lädt sich vielleicht sogar spontan bei anderen ein.
Wenn alle Stricke reißen und keiner für ihn Zeit hat, stürzt er sich in Ablenkungen. Ohrenbetäubend laute Musik, 73 Tabs auf dem Computer offen, auf dem Handy springt er von einer App zur anderen und nebenbei läuft ein Film, während er zockt und in den Pausen masturbiert. Früher oder später reicht aber auch das nicht mehr aus.
Betäubung
Alkohol, rauchen, kiffen und andere Drogen – viele Narzissten haben ein Suchtproblem. Weil sie die Zeit mit sich allein nicht ertragen, greifen sie zu allen möglichen Betäubungsmitteln.
Und nein, damit meine ich nicht das Glas Wein oder Whiskey, sondern kiffen und trinken bis zum K.O.
Chaos kreieren
Stell dir vor, du lässt deinen Partner einen Abend allein zu Hause. Als du zurückkommst, liegt auf dem Couchtisch vielleicht eine leere Chipstüte. Zwei leere Dosen Energydrink, drei Flaschen Bier und eine Burgerpackung leisten ihr Gesellschaft. Dein Partner selbst schläft mit dem Controller der Xbox in der Hand auf der Couch. Er hat den Abwasch nicht erledigt und den Müll nicht rausgebracht.
Ärgerlich? Vielleicht. Aber sehr wahrscheinlich einfach nur das Ergebnis davon, dass dein Partner seinen sturmfreien Abend genossen hat und keine Lust zum Aufräumen hatte.
Jetzt stell dir vor, du willst deinen Partner für einen Abend allein zu Hause lassen oder bist so müde, dass du vor ihm ins Bett willst. Doch bevor du das Haus verlassen oder schlafen gehen kannst, bricht er nicht nur einen Streit vom Zaun. Er zerbricht auch „aus Versehen“ eine Ketchupflasche. Jetzt musst du also erstmal putzen, denn du weißt: Wenn er das erledigt, sieht es danach schlimmer aus als vorher und du wirst später überall Glasscherben finden.
Du kommst also schon verspätet und mit einem unguten Gefühl los oder ins Bett. Als du zurückkommst (oder aufwachst), trifft dich der Schlag. Die Couch ist mit Flecken übersät. Der Couchtisch ist nicht nur mit Flaschen zugestellt, sondern auch von Kratzern durchzogen. Dein Partner hat außerdem beschlossen, die Küche „umzuräumen“, deine Unterwäscheschublade zu durchwühlen und Sachen, die du liebst, auszusortieren.
Warum? Drei einfache Gründe:
- Du wirst dir ab sofort sehr genau überlegen, ob du deinen Partner noch einmal gegen seinen Willen allein lässt oder vor ihm schlafen gehst. Er versucht damit, dich zu erziehen.
- Rache und Strafe. Einem Narzissten eine Grenze aufzuzeigen und sie durchzusetzen, führt zu Wut. In Kombination mit der Wut über das Alleingelassenwerden, benimmt er sich wie eine Horde unerzogener, unbeaufsichtigter Kinder. Er erzeugt Chaos. Gleichzeitig will er sich damit an dir rächen und dich bestrafen.
- Das anschließende Drama gibt ihm wieder das, was er wollte und immerzu will: narzisstische Zufuhr.
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Drama schaffen
Bei „narzisstische Zufuhr“ denken viele an Anerkennung, Bewunderung und Komplimente. Kann der Narzisst diese aber gerade nicht bekommen, nimmt er auch negative Aufmerksamkeit, Macht und Kontrolle.
Ist der Narzisst allein, kann er beispielsweise mitten in der Nacht im Mehrfamilienhaus lautstark Musik einschalten. Er weiß sehr genau, dass er damit alle aus den Betten holt. Er weiß auch, dass sich sehr wahrscheinlich früher oder später jemand bei ihm darüber beschweren wird. In dem Moment, wo das passiert, hat er eine Interaktion mit einem anderen Menschen.
Vielleicht streitet sich der Narzisst mit ihm, vielleicht erzählt er ihm aber auch, dass es ihm gerade richtig schlecht geht und er sich durch die laute Musik dringend ablenken musste – um ihn durch Mitleid um den Finger zu wickeln. Alle Mittel sind recht.
Will der Narzisst es sich auf Dauer nicht in der Nachbarschaft verscherzen, kann er auch online Dramen inszenieren. Grandiose oder mitleidheischende Posts, provozierende Kommentare unter den Posts von anderen oder Unruhe stiften in Foren – können sie keine positive Aufmerksamkeit ergattern, werden sie zu Trollen.
Erinnerungen durchgehen und umdrehen
Dass uns auch Jahre später mal noch etwas beschäftigt, wir die Ereignisse des Tages oder der letzten Woche reflektieren – das ist vollkommen normal. Sind Narzissten allein, sieht das allerdings etwas anders aus.
Ein Narzisst kann zum Beispiel sehr genau wissen, dass er sich letztens in einem Gespräch im Ton vergriffen hat, er keine Argumente hatte oder, dass er jemandem aus anderen Gründen eine Entschuldigung schuldet. Er wird die Erinnerung dennoch so lange im Kopf durchspielen, bis er als Gewinner oder aber armes Opfer daraus hervorgeht. Damit gehen bei Narzissten Projektion und Blameshifting sehr häufig einher.
Fantasien und Pläne schmieden
Die Unfähigkeit von Narzissten, allein zu sein – auch für kurze Zeit – kann perfide Knospen treiben. Normale Menschen malen sich vielleicht dann und wann aus, was sie mit einer Million Euro anstellen würden, oder planen ihren nächsten Urlaub. Eventuell malen sie sich auch aus, dass ein Mensch, auf den sie wütend sind, in einen Vulkan fällt. Dabei bleibt es allerdings auch.
Sind Narzissten allein, geben sie sich grandiosen Fantasien hin und schmieden Rachepläne. Sie planen strategisch, wann sie wem welche Lüge über einen anderen Menschen erzählen und welche „Beweise“ sie erfinden. Wurden sie von einem Opfer verlassen, planen sie sogar das Stalking und Mobbing durch.
Gesellschaft um jeden Preis
Sind normale Menschen allein, gehen sie ihren Interessen nach. Doch Narzissten haben keine Hobbys. Zumindest keine, die sie ohne andere Menschen oder aus wirklichem Spaß an der Freude ausüben. Sind normale Menschen allein und fühlen sich einsam, versuchen sie, das zu ändern.
Sie schreiben Nachrichten an Freunde und Bekannte, rufen jemanden an, reaktivieren alte Freundschaften oder planen, demnächst an Kursen, Workshops oder Veranstaltungen teilzunehmen.
Narzissten wenden sich hingegen Extremen zu. Sind sie „akut allein“ können sie regelrecht auf Zwang und um jeden Preis Gesellschaft suchen. Sie können ein Drama oder einen Schicksalsschlag erfinden, um bei anderen mitten in der Nacht Mitleid zu erheischen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie laden sich selbst bei anderen ein, die das zwar sogar für den Narzissten offensichtlich nicht wollen, aber zu höflich sind, um nein zu sagen.
Sie kreuzen ohne Einladung beim Frauenabend der Partnerin auf, sie stehen plötzlich bei der Ex vor der Tür oder gehen 3 Uhr morgens noch in Bar, Kneipe oder Club und zwingen dort anderen Gespräche auf. Sie schicken hundert Textnachrichten an die Person, die sie „allein gelassen“ hat. Falls sie es nicht zuvor geschafft haben, den Grund für das Alleinlassen zu sabotieren und die Person selbst zu manipulieren.
In manchen Fällen wenden sich die Narzissten dann auch Dating-Apps zu und versuchen dort, sofortige Treffen zu erzielen oder nehmen Sexworker in Anspruch.
Hoovering und neue Zufuhr
Wenn Narzissten ein Opfer verlassen, die Beziehung also beenden, haben die Opfer gute Chancen darauf, vom Stalking verschont zu bleiben. Anders verhält es sich, wenn sich das Opfer trennt. Und anders verhält es sich auch beim Hoovering.
Denn Hoovering kann in jedem Fall und sogar noch Jahre nach der Trennung auftreten. Beim Hoovering taucht der Narzisst plötzlich wieder auf und will das Opfer zurück. Er bereut die Trennung, all seine Fehler tun ihm leid, er hat sich geändert, vermisst sein Opfer und kann ohne es nicht mehr leben.
Sein wirkliches Anliegen: Zum einen testet er hiermit, ob er noch die Kontrolle über das (Ex-)Opfer hat. Kann er es immer noch oder wieder um den Finger wickeln? Zum anderen versucht er damit schlichtweg, eine alte narzisstische Zufuhr erneut anzuzapfen, weil er gerade allein ist, er Ablenkung und sein Ego einen Boost braucht.
Funktioniert das nicht oder reicht ihm das nicht, macht er sich aktiv auf die Suche nach neuer Zufuhr. Also nach einer/m neuen Partner/in.
Dafür reicht es übrigens schon aus, dass die aktuelle Partnerin ihn nicht mit zum Mädelsabend genommen hat, auf der Arbeit ist oder ins Bett gegangen ist, als er noch nicht müde war.
Wie bemerke ich, ob ich es mit einem Narzissten zu tun habe?
Es gibt viele Anzeichen, an denen du Narzissten erkennen kannst. Ein einzelner narzisstischer Zug macht noch keinen Narzissten aus. Es ist immer das Gesamtbild, das zählt.
Kann jemand nicht oder schlecht allein sein, ist das also kein eindeutiger Hinweis. Er sollte dich aber genauer hinschauen lassen.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob jemand sagt „Ich bin nicht so gerne allein.“, und sich deswegen positiv beschäftigt hält, viel unternimmt, anderen hilft und zu sich einlädt. Oder, ob er dich wiederholt aktiv von deiner Me-Time abhält, dir jede Unternehmung ohne ihn übel nimmt und er dich sogar sabotiert und manipuliert.







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