Reden Frauen wirklich mehr als Männer?

Nein. Frauen reden nicht mehr als Männer. Dennoch hält sich das Vorurteil hartnäckig seit Jahren. Woran das liegt und warum Frauen seltener zu Wort kommen, sich häufiger wiederholen müssen und trotzdem nicht mehr reden als Männer – das erfährst du hier.

Frauen sind Plaudertaschen und Männer wortkarg?

Weit gefehlt. Bereits 2007 wurde eine Studie publiziert, in der die tägliche Wortanzahl von Männern und Frauen untersucht wurde. Dabei wurde festgestellt: Das viele Jahre behauptete „Frauen reden so viel mehr als Männer“ stimmt mitnichten.

Frauen reden im Schnitt 16.215 Wörter.

Männer reden im Schnitt 15.669 Wörter.

Also gerade einmal 546 Wörter Unterschied pro Tag.

Warum also hält sich der Irrglaube von den weiblichen Plaudertaschen und der wortkargen Männlichkeit bis heute?

Grund 1: Bequeme Falschinformationen leben länger

In einem Artikel wurde einmal behauptet: „Käse macht so süchtig wie Kokain.“ Es wurde sogar eine Studie dazu angeführt. Die Studie gab es tatsächlich. Nur behauptete die nie, dass Käse ein Suchtpotenzial wie Kokain hat. Und dennoch wurde dieser Mythos kopiert und verbreitet. Jahrelang. Von renommierten Quellen, die es mit der Recherche nicht ganz so genau nahmen.

Aber wen juckt das schon, wenn ich bei übermäßigem Käsekonsum behaupten kann, dass ich einfach süchtig bin – und, dass es immerhin nur Käse ist.

Grund 2: Männliche Macht über Frauen

Schon mal von Manterrupting gehört? Das ungesunde und typisch männliche Muster, Frauen beim Sprechen zu unterbrechen, ist Machtgehabe und Kontrollverhalten. Wenn mann(n) frau immer wieder in den Satz fällt, dominiert er das Gespräch und sie.

Lässt sich ganz wunderbar damit rechtfertigen, dass Frauen angeblich deutlich mehr reden und der arme Mann, der dich ständig unterbricht und dich keinen Satz beenden lässt, einfach mal zu Wort kommen will. Auch wenn das absolute Gegenteil der Fall ist.

Grund 3: Internalisierte Misogynie und fehlende Reflexion

Letztens hatte ich ein Aufnahmeprojekt. Einfach nur das freie Gespräch und Business-Rollenspiele mit je einer anderen Person aufnehmen. Die Vorgabe war, möglichst Gesprächsanteile von je 50 Prozent pro Person anzustreben.

Simpel, oder? Während das mit den meisten Frauen problemlos gelang – immerhin waren es einfach nur normale Konversationen – wurde mir von einigen Männern und von einer Frau vorgeworfen, ich würde deutlich mehr reden. Klar, bin ja eine Frau. Die reden angeblich immer mehr.

Ich selbst hatte Angst, ich würde andere totquatschen. Also legte ich eine Stoppuhr daneben und stoppte meine Redezeit. Ich schaffte durch ständige Unterbrechungen nur mit Ach und Krach maximal 30 Prozent der gesamten Konversationszeit.

Und doch lautete das Urteil dieser Konversationspartner: „Du hast viel mehr gesprochen als ich!“

Wie?! Trotz gerade einmal 20 bis 30 Prozent der Redezeit bei einem Gespräch zwischen zwei Personen waren die Monolog-Halter der Meinung, ich hätte mehr gesprochen. Um das noch einmal zu verdeutlichen:

Bei einem Gespräch von 20 Minuten durfte ich vier bis sechs Minuten reden – sprach aber angeblich mehr als der- oder diejenige, die 14 bis 16 Minuten sprach. Und damit den absoluten Löwenanteil füllte.

Weil? Weil diese Menschen daran gewöhnt sind, dass Männer oder sie selbst auch sprachlich dominieren und sich selbst nicht reflektieren. Das ist nicht nur eine persönliche Anekdote. Es ist gibt dafür auch generelle Beweise.

Grund 4: Männer strafen öfter durch Schweigen

„Dann red ich halt nicht mehr mit dir“

Strafen durch Schweigen ist eine Masche, die potenziell eher Männer und Narzissten verwenden. Sie wollen damit vornehmlich vom eigenen Fehlverhalten ablenken, anstatt Verantwortung zu übernehmen oder Gespräche auf Augenhöhe zu führen.

Grund 5: Frauen müssen öfter wiederholen

Frauen werden deutlich öfter unterbrochen – von Männern und von anderen Frauen. Sie müssen daher deutlich öfter von vorne anfangen und sich wiederholen. Und trotzdem haben sie eine Sprechzeit von lediglich drei bis vier Minuten mehr pro Tag als Männer.

Grund 6: Frauen müssen öfter rechtfertigen, vermitteln, erklären  

Was ist die männlichste aller Antworten auf die Frage: „Warum?“

Die männlichste aller Antworten darauf ist: „Weil ich es kann.“

4 Wörter. Sie rechtfertigen sich nicht. Sie erklären sich nicht. Sie werden sogar oft sauer oder stumm oder projizieren, anstatt eine wirkliche Erklärung zu nennen.

Gleichzeitig respektieren sie nicht, wenn eine Frau Nein sagt. Gleichzeitig fordern sie Rechtfertigungen ein, wenn sie eine Grenze überschreiten wollen. Sie fordern Frauen also auf, mehr zu sagen – und unterbrechen sie dann deutlich häufiger.  

Klingt nach einer Falle und nach einem Machtspiel? Ist es auch.

Grund 7: Mangelnder Respekt

Mein Partner will unbedingt ausgehen, also gehen wir aus. Einmal beim Ausgehen angekommen, geht er auf Toilette. Ich sitze allein da. Ein fremder Mann macht sich an mich ran. Ich sage „Mein Freund ist gerade auf Toilette. Kein Interesse. Nein. Kein Interesse. Aha. Nein, mein Freund kommt gleich wieder. Ich gebe meine Nummer nicht an Fremde. Nein. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich will nicht.“

Ich versuche, freundlich und höflich zu sein. Keine Szene. Sowas macht die unauffällige Frau nicht. Sie wird nicht laut. Sie erklärt, sie wehrt ab, sie bleibt brav und leise und höflich. Sie schreit nicht „Alter, was verstehst du an NEIN nicht?! Bist du dumm, oder was?! Nimm deine Hackfresse und geh!“ Auch wenn ich gerade nichts lieber möchte.

Schließlich weiß frau: Dann schauen alle mich an. Und nicht wohlwollend. Mir wird keiner zur Hilfe eilen. Mich werden hingegen alle zur Zicke erklären. Und im Zweifelsfall wird der Typ mit dem verletzten Ego mir auflauern und mindestens handgreiflich.

Und dann kommt mein Partner, wirft einen bösen Blick und der Belästiger geht. Entschuldigend. Wortlos oder mit der Erklärung: „Ich wusste ja nicht, dass sie einen Partner hat…“

Und dann schaut mich mein Partner böse an, denn wenn es für ihn so einfach war, den aufdringlichen Fremden zu vertreiben, dann war ich offensichtlich nicht willens und deutlich genug beim Vertreiben. Schließlich musste mein Partner kein Wort verlieren. Für ihn war das also wortlos, simpel, schnell. Wieso schaffe ich das denn nicht?

Ganz einfach, weil der Respekt gegenüber Frauen fehlt. Frauen können sich den Mund fusselig reden, Männer werfen einen Blick. Solange es nicht die eigene Mutter oder die eigene Tochter ist, ist die Frau schuld am männlichen Verhalten. Sie erreicht mit einem Wort nichts. Sie erreicht mit vielen Wörtern nichts. Aber irgendwie ist sie dann doch schuld an allem.

Das galt vor 5, 10, 20, 30 Jahren. Das gilt heute vielerorts immer noch.

Und das wissen Männer. Sie sind ja diejenigen, die nicht zuhören. Die unterbrechen und manipulieren. Die Grenzen überschreiten und das Wort Nein ignorieren. Problematisch finden sie das nur, wenn die eigene Frau sich kein Gehör bei anderen verschaffen kann.

Und dennoch reden Frauen nicht genug…

Stolze 546 Wörter pro Tag sprechen Frauen durchschnittlich mehr als Männer. Gehört werden sie dabei aber immer noch nicht. Dafür aber doppelt so häufig und bedeutend unfreundlicher unterbrochen als Männer. Beruflich und privat.

Klingt nach der passenden Zeit, um endlich lauter und deutlicher zu werden. Oder? 

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