Warum Privatsphäre für Kinder so wichtig ist: Gründe und Tipps

Bei der modernen Erziehung geht es Eltern vor allem um die Bindung, um gemeinsame Zeit, pädagogisch wertvolle Aktivitäten, Playdates und noch mehr gemeinsame Zeit. Vom Familienbett über das Familienzimmer bis zum täglichen Spieleabend wird eines gerne vergessen: die Privatsphäre der Kinder. Und diese ist nicht erst mit dem Eintritt in die Pubertät entscheidend für eine gesunde Entwicklung.

  1. Schon gewusst: Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre
  2. Ich-Bewusstsein entwickeln und stärken
  3. Sich von anderen abgrenzen und Grenzen setzen
  4. Respekt erleben
  5. Persönliche Entwicklung
  6. Vertrauen aufbauen
  7. Zwischen Freiheit und Fürsorge – wie sieht Privatsphäre für Kinder in der Praxis aus?
    1. Tipp 1: Die Privatsphäre wachsen lassen
    2. Tipp 2: Der eigene Bereich
    3. Tipp 3: Sortier nichts ohne Zustimmung aus
    4. Tipp 4: Gib deinem Kind keinen Grund für Geheimnisse und abgeschlossene Türen
    5. Tipp 5: Respektier die individuelle Privatsphäre und das persönliche Schamgefühl
    6. Tipp 6: Vertrauensbrüche ziehen Konsequenzen nach sich
  8. Privatsphäre für Kinder: keine Angst vorm Alleinsein

Schon gewusst: Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre

Für viele Eltern ist es vollkommen normal, unangemeldet ins Kinderzimmer zu gehen, Schränke und Taschen zu durchsuchen oder ohne zu fragen, Sachen auszusortieren. Schließlich handelt es sich um ihre Kinder! Da haben Eltern alle Macht.

In Wirklichkeit haben Kinder ein gesetzlich verankertes Recht auf Privatsphäre, das noch nicht einmal allen bekannt ist. Und das häufig mit Füßen getreten wird. Selbst dann, wenn es „gut gemeint“ ist. Bevor du weiterliest, solltest du dir dieses Recht bewusst machen. Jedes Kind hat ein Recht auf Privatsphäre!

Aber warum ist diese so wichtig für den Nachwuchs und wie sollte sie in der Praxis aussehen?

Ich-Bewusstsein entwickeln und stärken

Sind Kinder von anderen Kindern, Erziehern, Lehrern und Eltern umgeben, erhalten sie fortlaufend Feedback und Reaktionen, während sie selbst reagieren müssen. Sie sehen sich nur im Kontext anderer Menschen. Die soziale Entwicklung ist wichtig, aber nicht alles.

Ebenso ausschlaggebend ist die Zeit allein und die Privatsphäre. Denn haben Kinder Raum und Zeit allein für sich, beschäftigen sie sich ausschließlich mit sich selbst und ihren Vorlieben. Sie stärken das Ich-Bewusstsein und lernen sich selbst (besser) kennen.

Sich von anderen abgrenzen und Grenzen setzen

Wer in jeder Minute des Tages von anderen umgeben ist, kann sich schwer abgrenzen, verlernt entspanntes Alleinsein und hat Schwierigkeiten damit, Grenzen zu setzen. Das Selbstbewusstsein leidet.

Haben Kinder hingegen Zeit, Raum und Privatsphäre für sich, lernen sie, diese und sich selbst gegen Übergriffe zu verteidigen. Sie wissen, dass ihnen der Bereich für sich selbst zusteht, was wiederum das Selbstbewusstsein stärkt.

Respekt erleben

„Tu, was ich sage, nicht, was ich tue.“

Die Zeiten, in denen diese Form der „Erziehung“ herrschte, sollten längst vorbei sein. Dennoch ist vielen Eltern nicht bewusst, dass sie Vorbilder sind – ob sie wollen oder nicht. Respekt zu erklären, wird nie so effektiv sein, wie ihn vorzuleben.

Möchtest du nicht, dass dein Kind unangemeldet ins Schlafzimmer oder ins Badezimmer stürmt? Dann leb genau dieses Verhalten nicht vor. Sondern klopf an und frag, ob du das Zimmer betreten kannst. Soll dein Kind nicht einfach deine Taschen oder Schränke durchsuchen? Dann leb diese Grenze vor. Gewöhn dir die Frage „Darf ich?“ an und respektier das Wort „nein“. Fordere den gleichen Respekt gegenüber deinen Grenzen ein.

Du legst damit das Fundament für gesundes Selbstbewusstsein und gesunden Selbstschutz bei deinen Kindern und ebnest die Bahn für gegenseitigen Respekt.

Persönliche Entwicklung

Früher oder später entdecken Kinder ihre Körper. Ungestörte Privatsphäre ist dafür unerlässlich. Früher oder später haben und brauchen Kinder zudem Geheimnisse – ja, auch oder erst recht vor ihren Eltern. Das kann der geheime Club sein, in dem nur die beiden besten Freunde erlaubt sind oder etwas, das sie in ihr Tagebuch schreiben und noch nicht mit dir besprechen wollen.

Zur persönlichen Entwicklung gehört es, einiges selbstständig und allein zu bestreiten und nicht die Hilfe (oder Einmischung) der Eltern zu erfahren. Möchte dein Kind etwas geheim halten, lass es. Übe keinen Druck aus, sondern stell stattdessen sicher, dass es jederzeit zu dir kommen kann und dich ins Vertrauen zieht, wenn es so weit ist.  

Vertrauen aufbauen

Haben Kinder keine Privatsphäre, kontrollieren Ihre Eltern sie ständig, durchsuchen ihre Zimmer und alles, was ihnen gehört? Dann gibt es kein Vertrauen.

Lass mich das noch einmal betonen: Überwachen und kontrollieren Eltern ihre Kinder, gestehen ihnen keine wahre Privatsphäre und keine Geheimnisse zu, dann gibt es kein Vertrauen. Denn diese Eltern leben ihren Kindern vor, dass sie ihnen nicht glauben, nicht vertrauen und keinen eigenen Bereich zutrauen. Sie gehen stattdessen automatisch davon aus, dass die Kontrolle dringend nötig ist, und unterstellen ihren Kindern damit eine Menge.

Für die psychische Entwicklung und die Beziehung zwischen Kindern und Eltern ist das verheerend. Zudem können einige Kinder daraus mitnehmen, dass Liebe mit Kontrolle gleichzusetzen ist. Und das ist eine reichlich bescheidene Lektion fürs Leben.

Zwischen Freiheit und Fürsorge – wie sieht Privatsphäre für Kinder in der Praxis aus?

In der Theorie ist die Privatsphäre für Kinder einfach. In der Praxis ist sie eine Herausforderung und geht oft mit der Frage „Aber, was wenn…?“ einher.

Was, wenn mein Kind etwas Wichtiges oder Gefährliches geheim hält?

Was, wenn es sich allein einem Risiko aussetzt?

Was, wenn ich etwas übersehe und später bereue, nicht nachgeschaut zu haben?

In der Praxis kannst du allerdings auch viel dafür unternehmen, eine gesunde Privatsphäre und Vertrauen aufzubauen. Schauen wir uns deine Möglichkeiten an:

Tipp 1: Die Privatsphäre wachsen lassen

Ein 3-Jähriger braucht in der Regel weniger Privatsphäre als ein 13-Jähriger. Die Grundregeln dafür kannst du aber bereits bei Kleinkindern einführen, indem du Privatsphäre, persönliche Grenzen und Respekt vorlebst und einforderst.

Tipp 2: Der eigene Bereich

Schaff deinem Kind einen Bereich, der nur ihm gehört und in dem es allein spielen und Leute ein- oder ausladen kann. Dabei muss es sich für kleine Kinder noch nicht um ein ganzes Zimmer handeln. Ein Tippi, Spielzelt oder Spielhaus eignen sich dafür ebenfalls. Klopf an oder melde dich an, wenn du den Bereich betreten möchtest.

Tipp 3: Sortier nichts ohne Zustimmung aus

Kleidung passt nicht mehr, die Plüschtiere sind abgeliebt oder Spielzeuge liegen seit Monaten ungenutzt in der Ecke? Natürlich geht es einfacher und schneller, wenn du eine Aufräum- und Aussortieraktion allein startest. Dabei erhebt schließlich keiner ein Veto gegen das Entsorgen.

Du behandelst die Privatsphäre und das Eigentum deiner Kinder dabei allerdings respektlos.

Geht das Aussortieren gemeinsam (und in Etappen) an. Will sich dein Kind noch nicht von etwas trennen? Dann respektier das. Anderenfalls wird es dazu übergehen, Dinge vor dir zu verstecken, um sie vor dir zu schützen. Vertrauen in dich und Bindung zu dir leiden immens darunter.

Tipp 4: Gib deinem Kind keinen Grund für Geheimnisse und abgeschlossene Türen

Darf die Badezimmertür oder die Tür des Kinderzimmers abgeschlossen werden?

Darüber gibt es weltweit Debatten in Familien.

Ein Tipp schafft sofort Abhilfe: Gib deinen Kindern keinen Grund dafür, Türen abschließen zu wollen. Oder zu müssen. Klopf an, frag nach, warte ab, bis du eintreten kannst. Kann sich dein Kind darauf verlassen, dass du nicht mit der Tür ins Zimmer fällst, steigt sein Vertrauen in dich. Dafür entfällt die Notwendigkeit, zur Sicherheit den Schlüssel im Schloss umzudrehen.

Bei kleineren Kindern solltest du den Schlüssel dennoch abziehen. Wird die Tür aus Spaß abgeschlossen und geht dann nicht mehr auf, endet das schnell in unnötiger Panik.  

Tipp 5: Respektier die individuelle Privatsphäre und das persönliche Schamgefühl

Manche Menschen, egal welchen Alters, behalten vieles lieber für sich. Andere sind ein offenes Buch. Manche haben ein ausgeprägtes Schamgefühl, andere haben mit Nacktheit kein Problem.

Respektier die Phase und die Persönlichkeit deines Kindes. Denn auch das schafft Vertrauen und stärkt die Bindung, was wiederum dafür sorgt, dass dein Kind dir gegenüber offener wird.

Als Kind hörte ich oft: „Haha, ich schau dir schon nichts ab!“ Damit wurden meine Scham und mein Wunsch nach Privatsphäre weggewischt und ins Lächerliche gezogen. Ging es um private Gedanken, die ich in einem Tagebuch festhielt und von denen ich nicht wollte, dass sie jemand anderes liest: „Was kannst du denn schon schreiben?! Das interessiert doch eh keinen!“ Dennoch war es scheinbar interessant genug, um mein Tagebuch gegen meinen Willen zu lesen.

Die Wirkung dieser Respektlosigkeiten und des grenzüberschreitenden Verhaltens war, dass ich mich innerhalb meiner Familie mehr und mehr zurückzog und immer mehr versteckte. Logisch, oder?

Daher: Mach es besser. Respektier, dass dein Kind eine individuelle Privatsphäre hat, zu der auch das Schamgefühl gehört. Mach dich nie darüber lustig. Mit verständnisvollem Umgang und Respekt legst du die Basis dafür, dass dein Kind sich ernst genommen fühlt, starkes Vertrauen zu dir aufbaut und bei Problemen zu dir kommt.

Tipp 6: Vertrauensbrüche ziehen Konsequenzen nach sich

Hat dein Kind seine Privatsphäre genutzt, um etwas Verbotenes zu tun? Ob zündeln, heimlich rauchen, Wände bemalen, von Geschwistern oder anderen stehlen – mach klar, dass Regelverstöße Konsequenzen nach sich ziehen.

Hierbei handelt es sich um Vertrauensbrüche dir gegenüber, sodass die Kontrolle doch hochgefahren werden muss. Stell die Regeln vorher klar und verständlich auf und vereinbare, welche Folgen ein Vertrauensmissbrauch hat.

Privatsphäre für Kinder: keine Angst vorm Alleinsein

Zeit, um allein zu spielen, nachzudenken, Erlebnisse des Alltags zu verarbeiten, erlebter Respekt und das Setzen von Grenzen – Kinder profitieren davon, wenn Eltern ihre Privatsphäre respektieren.

Also gib deinem Nachwuchs verlässlichen Freiraum, in dem er ganz er selbst sein darf. Dieser geringe Aufwand zahlt sich in vielen Bereichen aus und das vielleicht sogar ein Leben lang. Zu den Vorteilen der frühzeitigen Privatsphäre gehört es auch, dass dein Kind wohltuendes Alleinsein lernt. 

Hinterlasse einen Kommentar

Mein Leben Eben

Finde Ratgeber, Rezepte, Tipps und spannende Themen, die uns alle angehen. Mach dir dein Leben leichter, gestalte es aufregender oder entspannter – MeinLebenEben hilft dir dabei!

Let’s connect