Die Vorteile des Familienbettes werden immer wieder betont und vor allem reichlich Mütter schwören darauf. Experten kritisieren es hingegen, zumindest, wenn das Familienbett zum Dauerzustand wird. Was sagen aber Eltern und Kinder dazu, die im Familienbett geschlafen haben und es nie wieder tun würden? Finde es in den Interviewauszügen heraus.
- Familienbett – ein bedenklicher Trend?
- Auswirkungen auf die Partnerschaft: „Es gibt ja nicht nur das Bett! 😉“
- Das Familienbett ist selbst beim Stillen nicht uneingeschränkt praktisch
- „Papa gehört nicht zur Familie!“
- Die Kinder gehen schon, wenn sie so weit sind? Schwachsinn!
- Wenn schlafen nur mit Mama geht – gefährliche Abhängigkeit bei einem Grundbedürfnis
Familienbett – ein bedenklicher Trend?
Vor nicht allzu langer Zeit war das Familienbett oder zumindest das Geschwisterbett vollkommen normal. Es gab schlicht nicht genug Geld und Platz in vielen Familien, um für jeden ein eigenes Bett bereitzustellen. Hinzu kam der Sicherheitsaspekt während der Kriege. Die komplette Familie in einem Raum und in einem Bett versammelt zu haben, war also nötig oder aber zumindest praktisch.
In den letzten Jahrzehnten ist es hingegen zum Trend geworden.
Wer seinen Nachwuchs wirklich liebt, schläft im Familienbett. Dafür werden Bodenbetten kreiert, riesige Schlafstätten zusammengestellt und natürlich schlafen darin alle viel besser. Behaupten die meisten zumindest. Aber stimmt das wirklich? Ich habe Mütter, Väter und Kinder befragt, die das Familienbett jahrelang praktiziert haben und es heute ganz anders machen würden.
Auswirkungen auf die Partnerschaft: „Es gibt ja nicht nur das Bett! 😉“
Familienbett, das klingt idyllisch und harmonisch. Das klingt nach Kuscheln ohne Ende, nach ganz viel Bindung und stärkerem Zusammenhalt in der ganzen Familie. In der Realität zieht der Vater aber häufig auf die Couch um und bleibt dort auch – jahrelang. Aber selbst, wenn beide Elternteile mit Kindern in einem Bett schlafen, ergeben sich daraus logischerweise Einschränkungen und Probleme für die Partnerschaft.
Gegenüber Verfechtern des Familienbettes müssen genau diese Einschränkungen noch nicht einmal angesprochen werden. Meist reagieren sie von sich aus mit einem Zwinkern und beantworten die im Raum stehende Frage nach dem Leben als Paar mit „Es gibt ja nicht nur das Bett! 😉“
Anna M.* teilt hier ihre Reaktion auf die zwinkernde Suggestion und ihre Erfahrungen aus dem eigenen Familienbett:
Ja, es gibt nicht nur das Bett für Sex. Aber es gibt eben nicht nur Sex! Zur Intimität und Bindung in der Partnerschaft gehören auch Kuscheln und private Gespräche, die sich vor den Kindern nicht führen lassen. Beides geht nicht, wenn deine Kinder zwischen dir und deinem Partner liegen. Noch schlimmer wird es, sobald ein Partner dauerhaft aus dem Familienbett auszieht.
Und seien wir doch mal schonungslos ehrlich: Natürlich wirkt sich das negativ auf das Sexleben aus, wenn du als Paar nicht einmal mehr ein Bett als Refugium für deine Beziehung und die Zweisamkeit hast. Auf Dauer leidet die Partnerschaft darunter, wenn die Kinder jeden Aspekt deines Lebens beherrschen und sogar das Schlafzimmer geteilt wird.
Ich würde das Familienbett nie wieder über die Stillzeit hinaus praktizieren. Bei anderen hat es absehbar zur Trennung geführt. Wir haben die Kurve gerade noch so gekriegt.
Das Familienbett ist selbst beim Stillen nicht uneingeschränkt praktisch
Immer wieder wird angeführt, das Familienbett sei zumindest während der Stillzeit oder solange Kinder noch in der Nacht Hunger oder Durst bekommen, deutlich praktischer als getrennte Betten. Schließlich reicht es dann, die Brust zu geben (sofern frau stillen kann oder noch stillt).
Maren S.* meint dazu:
Das haben mir andere Mütter eingeredet und noch den Zusatz angebracht, dass im Familienbett Unruhe ebenfalls deutlich schneller auffällt. Für mich biss sich genau an der Stelle die Katze in den Schwanz. Mit Kind im oder am Bett habe ich Unruhe tatsächlich deutlich früher bemerkt. Jedes. Einzelne. Mal. Selbst, wenn mein Kind weder hungrig noch durstig war. Meine Schlafqualität hat darunter dauerhaft gelitten.
Was zusätzlich noch vergessen wird: Zum Wickeln aufstehen lässt sich nicht vermeiden und die Duftwolken, die wir bis dahin im Bett hatten, vermisse ich ebenfalls nicht. Für die ersten Monate, okay. Für Jahre? Nie wieder würde ich das durchziehen.
„Papa gehört nicht zur Familie!“
Zwar heißt es Familienbett, häufig ist darin aber nicht die gesamte Familie vertreten, sondern Mutter und Kind(er) schlafen darin, während zahlreiche Väter jahrelang allein auf der Couch oder im Gästezimmer nächtigen. Hier wird gerne betont, dass das vollkommen in Ordnung ist, sofern alle damit einverstanden sind. Dabei gibt es deutliche Schattenseiten, die gerne verschwiegen werden oder kein Gehör finden.
Erik T.* berichtet dazu:
Als unser erstes Kind auf die Welt kam, war klar: Beistellbett ja, Familienbett später und bis zum Ende der Stillzeit. Wirkliches Familienbett, mit uns allen drin und mit absehbarem Ende. Nur sah die Realität schnell anders aus. Während meine Frau und Kinder im Bett schliefen, war für mich weder Platz noch Ruhe möglich. Also zog ich auf die Couch.
Immer wieder gab es vermeintlich gute Gründe, die Kinder weiter im eigentlichen Ehebett schlafen zu lassen. Der Große könnte sich zurückgesetzt fühlen, wenn er im eigenen Bett und Zimmer schlafen muss und der Kleine bei Mama ist. Schlafregressionen. Es ist doch aber so kuschelig. Die Kinder sollen selbst entscheiden.
Es gab einfach keinen Abschluss und angeblich keinen Grund, die Kinder in ihren eigenen Betten und Zimmern schlafen zu lassen. Bis unser Jüngster dann nach dem Familienbett gefragt wurde und ob er auch manchmal bei Papa schläft. Seine Antwort lautete „Papa gehört nicht zur Familie!“
Nicht, weil ich kein präsenter und aktiver Vater wäre, sondern, weil ich nicht im Familienbett schlafe. Platzmangel, Unruhe und die „guten Gründe“ für das Mutter-Kind-Bett haben bei meinen Kindern hinterlassen, dass ich nicht zur Familie gehören…
Die Kinder gehen schon, wenn sie so weit sind? Schwachsinn!
Kinder wollen mit der Zeit mehr Selbstständigkeit. Zumindest im Wachzustand. Sie wollen eigene Entscheidungen treffen. Zumindest dann, wenn sie zur Eigenständigkeit erzogen werden und nicht zur erlernten Hilflosigkeit. Da klingt es nur logisch, dass sie früher oder später im eigenen Bett schlafen wollen.
Lehrerin Kathrin D. berichtet aus ihren Erfahrungen:
Es gibt mittlerweile immer mehr Kinder, die noch nicht einmal wissen, dass die Option „eigenes Bett“ überhaupt besteht. Sie kennen es nicht aus ihrem Leben, halten es für vollkommen normal und die einzige Lösung, im Bett der Eltern oder meistens der Mutter zu schlafen. Viele Kinder haben noch nie alleine geschlafen, wissen nicht, dass das überhaupt geht. Klassenfahrten sind ein Drama. Übernachtungen bei Freunden waren früher gang und gäbe. Heute geht so etwas nicht mehr.
Und nein, die Kinder fragen nicht nach einem eigenen Bett oder wollen separat schlafen. Zum einen, weil sie es nicht kennen. Zum anderen, weil die Gewohnheit fest verankert ist und wir alle wissen, wie schwer sich Gewohnheiten ändern lassen. Nicht zuletzt haben viele Kinder mit Familienbett zu Hause kein eigenes Bett. Selbst wenn sie also ab morgen versuchsweise allein schlafen wollen, muss erst einmal die Möglichkeit dazu geschaffen werden.
Meiner Meinung und Erfahrung nach tun Eltern ihren Kindern mit dem Familienbett über Jahre hinweg keinen Gefallen. Sie machen die Umgewöhnung, die irgendwann mal kommen muss, nur deutlich schwerer.
Wenn schlafen nur mit Mama geht – gefährliche Abhängigkeit bei einem Grundbedürfnis
Gemeinsam kuscheln, eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, bei schlechten Träumen Sicherheit geben und trösten – all das geht auch ohne Familienbett auf Dauer. Wird trotzdem über Jahre hinweg an dem Familienbett festgehalten, beginnen die Nachteile zu überwiegen.
Darunter auch, dass Kinder ein lebenswichtiges Grundbedürfnis nur mit Mama an ihrer Seite befriedigen können. Denn lernen sie nicht frühzeitig, allein zu schlafen, fällt das Ein- und Durchschlafen im eigenen Bett später deutlich schwerer und geht mit reichlich Stress einher. Es wird eine ungesunde Abhängigkeit geschaffen, während oftmals Schlafqualität und Beziehungen leiden.
Denkst du über das Familienbett nach? Wird dir eingeredet, das sei das einzig Wahre? Mit dem Wissen um die Schattenseiten und den Erfahrungen anderer kannst du eine wirklich informierte Entscheidung treffen.
*Die Namen der Interviewpartner wurden aufgrund des Datenschutz und dem Erhalt der Anonymität gekürzt.








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