Diese Frage ist nicht nur kontrovers. Das Thema polarisiert und führt zu regelrechten Grabenkriegen – in Familien, im Freundeskreis und auf der Arbeit. Dabei gibt es reichlich Punkte, die gerne vergessen werden, wenn es um die Kinderfreundlichkeit oder Kinderfeindlichkeit in Deutschland geht. Gerade diese sind es aber, über die wir endlich sprechen sollten.
- Vorteile werden unterschätzt
- Erziehern und Lehrern wird der Beruf vergällt
- Kniet nieder, ich habe mich fortgepflanzt! Die Einstellung machts
- Kinder als Ausrede verwenden
- Alle wollen haben, keiner will machen
- Der Mütterkult in Deutschland
Vorteile werden unterschätzt
Mutterschutz, Elternzeit, Kindergeld, bezahlte Kinderkrankentage, Vergünstigungen, Mitversicherung der Kinder, Spielplätze, Vorrang bei der Urlaubsplanung – wenn Eltern vom kinderfeindlichen Deutschland sprechen, übersehen sie diese Punkte gerne. Unzureichend sei das alles. Und ja, Raum nach oben und Verbesserungsmöglichkeiten sind vorhanden. Keine Frage.
Doch schauen wir einmal genauer hin. Aktuell liegt das Kindergeld bei 250 Euro pro Kind pro Monat. Mindestens bis zum 18. Geburtstag.
250 x 12 x 18 = 54.000 Euro
54.000 Euro, die unabhängig vom Verdienst der Eltern geschenkt werden. Reicht das für Miete, Essen, Kleidung und Betreuung? Nein. Aber es ist auch nicht das Nichts, als das es nur allzu gerne von manchen Eltern abgetan wird.
Finanziert von Steuerzahlern finden sich zusätzlich Spielplätze, die nur Eltern und Kinder nutzen dürfen. Die Rechtsprechung sieht vor, dass Kinderlärm erduldet werden muss. Auch mitten in der Nacht. Das Kind ist krank? Dafür gibt es bezahlte Kinderkrankentage. Urlaub steht an? Eltern haben Vorrang bei Feiertagen und bei der Terminwahl. „Ja, wegen der Ferien!“, höre ich es direkt schimpfen. Aber das Vorrecht ist eben da und bringt Eltern damit einen Vorteil.
Was mir in Deutschland und im Vergleich mit „kinderfreundlicheren“ Ländern fehlt: Das sind nicht noch mehr Vorzüge und Sonderrechte. Es ist das fehlende Bewusstsein für die Vorteile, die Eltern und Kinder haben. Es ist das Kleinreden davon, dass wir alle die Kinder anderer mitfinanzieren und der Generationenvertrag nach Adenauer schon lange nicht mehr funktioniert.
Erziehern und Lehrern wird der Beruf vergällt
Die eigenen Kinder sind aus der KiTa und aus der Schule raus und ich führe Interviews mit Erziehern und Lehrern. Der Grundtenor: Es sind nicht die aufmüpfigen Kinder oder die teils schlechte Bezahlung, die diese Berufe so manchem verleiden. Stattdessen sind es die Eltern. Denn diese haben zwar keine Zeit oder Lust, mit ihren Kindern einfachen Anstand oder Lesen zu üben. Aber Micromanagement der Pädagogen: Dafür ist Energie da.
Eine Tagesmutter berichtet, dass sie täglich zwischen 27 und 39 Nachrichten einer Mutter erhält. Die gleiche Mutter hat jedoch keine Zeit dafür, bei der wöchentlichen Rotation Mittagessen für die betreuten Kinder zuzubereiten. Schließlich ist sie berufstätig. Die gleiche Mutter hat zusätzlich Tag für Tag stundenlang Zeit, um auf Social Media Plattformen zu kommentieren und zu posten. Nur Zeit ihr Kind pünktlich abzuholen, die hat sie nicht.
Natürlich sind nicht alle Eltern so. Aber doch genug, das ganze Berufsstände die Nase mehr als gestrichen voll haben.
Das könnte dich auch interessieren: Beschäftigungen für Kinder
Kniet nieder, ich habe mich fortgepflanzt! Die Einstellung machts
Ich laufe in Frankreich durch einen Park. Eine junge Familie nähert sich, die Kinder tollen und toben. Der kleine Sohn rast im Turbogang vor meine Füße, ich hüpfe zurück, er schaut mich mit großen Augen an. Die Eltern eilen herbei und entschuldigen sich noch schneller, als ihr Sohn gefahren ist. „Rien ne se passe.“ (nichts passiert), sage ich und lächle. Dabei ist gerade eine Menge passiert, das ich aus Deutschland kaum noch kenne.
Rücksichtnahme.
Das Kontrastprogramm folgt auf dem Fuße, als ich in der deutschen Straßenbahn mal wieder erlebe, wie Sitze als Klettergerüst verwendet werden und ein Kind mir grenztestend und wiederholt gegens Schienbein tritt. Die Eltern korrigieren das Verhalten nicht, sie entschuldigen sich nicht. Ist eben ein Kind, damit müssen alle klarkommen.
Ob Holland, Frankreich, Skandinavien: Ein bedeutender Unterschied zu Deutschland ist, dass Eltern in anderen Ländern sich nicht für die Gönner der Gesellschaft halten, denen mindestens ein roter Teppich ausgerollt gehört. Sie praktizieren gegenseitige Rücksichtnahme und wissen sehr wohl, dass vollkommen normales Kinderverhalten durchaus mal nervig sein kann. Sie sind sich nicht zu fein, die Worte Entschuldigung oder Danke auszusprechen. Zudem sehen sie ein, dass die freie Entfaltung des eigenen Kindes nicht immer Priorität haben kann.
Kinder als Ausrede verwenden
„Ich kann nicht, ich habe Kinder!“ – ob bei der Arbeit oder bei ungeliebten Terminen in der Freizeit, einige Eltern setzen ihre Kinder bewusst als Ausrede ein. Wahlweise werden die Kinder gut getimed krank, wenn im Beruf nervige Aufgaben anstehen oder trotz wochenlanger Planung dann doch eine Unternehmung ins Wasser fällt.
Wer diese Methode zu häufig einsetzt, kreiert damit logischerweise keine gute Laune, schadet sich und anderen. Es kommt in Deutschland nicht von ungefähr, dass Unternehmen hinter vorgehaltener Hand Mütter (oder solche, die es werden könnten) aussortieren. Allerdings liegt das nicht wie oft behauptet, an der Kinderfeindlichkeit. Es liegt stattdessen oft genug daran, dass vor allem Mütter nicht nur aufgrund valider Gründe ausfallen, sondern die Kinder vors Lochen schieben, wenn sie keine Lust auf etwas haben. Wird die Arbeit ohnehin größtenteils von anderen erledigt, ist das mehr als unfair. Gerade das wollen viele Eltern aber nicht sehen. Stattdessen suchen sie die Verantwortung bei allen anderen, nur nicht bei sich.
Alle wollen haben, keiner will machen
„Du findest einfach keine vernünftige Tagesmutter!“, sagt eine Bekannte und schiebt die Schuld daran der Kinderfeindlichkeit Deutschlands zu. „Wieso wirst du dann keine?“, frage ich und ernte herablassendes Lachen. Die Bälger von anderen betreuen??? Nee, also das geht zu weit.
Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Die Qualifikation zur Tagesmutter oder zum Tagesvater erfordert 160 Unterrichtseinheiten á 45 Minuten. Sie entspricht also noch nicht einmal einem 40-Stunden-Job für einen Monat. Sie kann im Bedarfsfall finanziell bezuschusst oder vollständig vom Amt finanziert werden. Wenig Aufwand mit großem Effekt also, und dennoch wollen ausgerechnet die Eltern, die auf die kinderfeindliche Gesellschaft schimpfen, keinen Beitrag zur Veränderung leisten und die Betreuungssituation verbessern.
Das fängt schon beim Babysitten an. Eltern haben oftmals die Gelegenheit, einander zu helfen. Fast ebenso oft passiert das nicht. Weil sie nicht die „Last“ eines zusätzlichen Kindes haben wollen. Auch nicht für wenige Stunden. An dieser Stelle fällt dann doch auf, wie kinderfreundlich Deutschland nicht ist. Alle wollen haben. Die bessere und längere Betreuung. Die Anerkennung für die Leistung, Kinder großzuziehen. Mehr Hilfe. Nur selbst machen wollen sie nicht. Andere sollen hingegen immer mehr hinnehmen und machen und dabei noch freundlich lächeln.
Der Mütterkult in Deutschland
Im Familienbett schlafen Mutter und Kinder. Der Vater nächtigt seit Jahren auf der Couch. In der Krabbelgruppe wird der einzig anwesende Mann beäugt, als sei er ein neongrünes Einhorn. Auf die Frage, ob das Kind heute mal von Oma, Opa, Onkel, Tante oder aber dem eigenen Papa betreut werden soll, fällt nur allzu oft „das geht nicht“ von der Mutter. In der KiTa kommt es zu einem Kratzer? Die Mutter rast lost. Das Kind hat Schnupfen? Keiner außer ihr kann es versorgen!
Mit der Verbreitung der bedürfnisorientierten Erziehung hat sich die Konzentration auf die Mutter als einzig mögliche Versorgerin nochmals verschärft. Sind ihre Batterien dann leer, dann hagelt es Vorwürfe. Alleine gelassen werde sie, müsse sich um alles alleine kümmern und keiner hilft. Doch oft genug stimmt das schlicht nicht. Keiner darf helfen, denn es kann nur die Mama geben.
Lässt sich das Kind dadurch nur von ihr trösten oder beschäftigen, tja, das ist doch der beste Beweis dafür, dass nur sie es richtig macht. In Wahrheit ist es ein Beweis dafür, dass viele Kinder heute zu stark einzig mit ihrer Mutter eine Bindung haben, weil alle anderen gar keine Chance erhalten. Die Väter, die sich stärker einbringen sollen? Die versuchen es im Alltag immer wieder. Als gleichberechtigte Elternteile werden sie dennoch nicht angesehen. Von den Müttern.
All das sollte uns zu denken geben, wenn mal wieder die Rede von der fehlenden Kinderfreundlichkeit in Deutschland ist.








Hinterlasse einen Kommentar