Raus aus dem Selbstoptimierungswahn!
Fitter werden, schlanker sein, jünger aussehen, immer allen vergeben und den Fehler bei sich selbst suchen – auf dem Weg zur Perfektion bleibt so mancher auf der Strecke. Und schadet damit auch noch seinem Umfeld. Denn der Selbstoptimierungswahn kommt selten allein und schlägt schon lange große Wellen.
- Was ist Selbstoptimierung?
- Wann wird Selbstoptimierung gefährlich?
- Wann ist alles nur Fassade und nichts optimal?
- Der gute alte Gruppenzwang und seine Folgen
- Ist es für mich wichtig oder beeindruckt es andere?
- Perfektion wird überbewertet
Was ist Selbstoptimierung?
Bei der Selbstoptimierung werden (vermeintliche) oder tatsächlich vorhandene Defizite ausgeglichen und Stärken ausgebaut. Dabei kann es sich ebenso um das Aussehen wie die körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit handeln.
Höher, schneller, weiter lautet die Devise der modernen Zeit. Bei der Selbstoptimierung geht es allerdings (eigentlich) nicht darum, auf der beruflichen Leiter schneller höher zu kommen als die Kollegen oder öfter und weiter zu reisen als der Nachbar. Der Konkurrenzgedanke ist aber dennoch eines der Risiken, die mit der Selbstoptimierung einhergehen.
Wann wird Selbstoptimierung gefährlich?
Selbstoptimierung ist grundlegend positiv. Geht dir schon beim zügigen Spazieren nach wenigen Metern die Puste aus? Der Aufbau der Ausdauer und der Fitness ist dann eine wirklich gesunde Entscheidung zur Selbstverbesserung. Gefährlich wird es an der Stelle, an der Sport, Fitness und gesunde Ernährung das Leben beherrschen.
Eine Narbe im Gesicht stört? Sie chirurgisch behandeln zu lassen, fällt unter Selbstoptimierung. Die 23. Operation mit dem Ziel, Barbie-„Perfektion“ zu erreichen, ist hingegen bedenklich und zwanghaft. Wann immer Extreme auftreten, kippt die Selbstoptimierung in den Wahn.
Das ist allerdings nicht die einzige Gefahr, die von dem Selbstoptimierungswahn ausgeht.
Wann ist alles nur Fassade und nichts optimal?
Franzi* liest Unmengen Erziehungsratgeber, sie arbeitet fortlaufend an sich und ihrem inneren Kind. An dem Verständnis für ihre Kinder und sprudelt geradezu über vor schlauen Tipps für den Umgang mit menschlichem Nachwuchs. Franzi geht außerdem täglich joggen, kocht ausschließlich Bio, Öko, vegan und Fair Trade – selbstverständlich ausgewogen und am besten noch ayurvedisch. An ihrer Partnerschaft arbeitet sie fortlaufend und reflektiert sich so oft selbst, dass sie ein ganzes Spiegelkabinett bestücken könnte.
Diese Storys verbreitet sie zumindest auf Social Media.
In Wirklichkeit liest sie zwar Erziehungsratgeber und verbreitet Weisheiten daraus, parkt ihre Kinder jedoch täglich schon vorm Frühstück vor dem Fernseher, Tablett oder Smartphone und hält sich selbst an keinen ihrer schlauen Tipps. Franzi geht auch nicht täglich joggen, sie fotografiert sich lediglich im passenden Outfit.
Die überkorrekten und übergesunden Mahlzeiten stehen Lieferando sei Dank auf dem Tisch und dienen als Fotomotive für Insta und Co. – denn im echten Leben kocht Franzi nicht. Sie geht bei Burger King und McDonalds essen.
Ihre Ehe ist schon vor Jahren den Bach runtergegangen und die angebliche Selbstreflexion ist genauso eine Show wie der Rest.
Während sie nach außen Bilderbuch-Familie spielt und die perfekte Frau und Mutter zu sein scheint, herrschen hinter den Kulissen Frustration und Verbitterung vor.
Viel Schein und kaum vorhandenes Sein hat auf den ersten Blick mit Selbstoptimierung wenig bis gar nichts zu tun. Und doch sind die beiden stark miteinander verbunden.
Der gute alte Gruppenzwang und seine Folgen
Da sind wir wieder, beim Motto: „höher, schneller, weiter“. Aber auch bei Konkurrenz und Gruppenzwang. Führt der Nachbar ein scheinbar perfektes Leben?
Statt am eigenen Glück zu arbeiten und sich in Dankbarkeit zu üben, verfallen viele ins Nachahmen und Übertrumpfen. Das ist gleich aus mehreren Gründen problematisch.
- Es perpetuiert den Selbstoptimierungswahn.
Andere machen so viel mehr als ich! Andere sind so viel besser als ich! Was mache ich nur falsch? Wer sich im Anschluss in Extreme steigert und seinerseits ausschließlich von Positivem, Herausragendem und beeindruckenden Leistungen berichtet, kurbelt den Selbstoptimierungswahn weiter an. Seine Verbreitung wächst damit ebenso wie das Minderwertigkeitsgefühl vieler Menschen.
- Es erzeugt Arbeit an der Fassade, nicht am Wohlgefühl.
Nehmen wir Franzi als abschreckendes Beispiel. Zwar investiert sie reichlich Arbeit in ihre Fassade, aber eben nur in ihre Fassade. Sie ist nicht wirklich fitter, weil sie nicht wirklich joggen geht und sich nicht wirklich gesund ernährt. Weder die Erziehung ihrer Kinder, noch die Beziehung zu ihrem Mann sind positiv. Optimierung gibt es nicht, dafür jede Menge Schauspielerei.
Würde sie auch nur ein Quäntchen ihrer Energie in das reale Leben investieren, ihr und ihrer Familie würde es besser gehen. Nur eignet sich das weniger zum Angeben auf Social Media und bei den Nachbarn.
- Es propagiert falsche Werte.
Ziel der Selbstoptimierung sollte eine Verbesserung des eigenen Wohlbefindens, der Gesundheit oder dem Umgang mit Mitmenschen sein.
Den eigenen Hang zu cholerischen Anfällen in den Griff zu bekommen, ist ein echter Gewinn für alle. Ebenso wie die Entwicklung der Empathie. Diese Maßnahmen zur Selbstoptimierung bringen unbestreitbare Vorteile mit sich.
Einzig und allein zu „optimieren“ oder den Anschein zu erwecken, um bei anderen Eindruck zu schinden – das ist weit verbreitet, aber grundlegend idiotisch.
Und damit sind wir beim nächsten Punkt und einer wichtigen Frage:
Ist es für mich wichtig oder beeindruckt es andere?
Jedes Wochenende bricht Franzi zu Ausflügen auf. Wie so oft in ihrem Leben hat sie darauf keine Lust. Aber sie braucht die Bilder, um andere zu beeindrucken. Sie sammelt keine schönen Erinnerungen und macht keine positiven Erfahrungen. Stattdessen erhöht sie lediglich das Level ihrer Genervtheit. Doch all das war es wert, wenn die Likes und bewundernden bis neidischen Kommentare in ihrem Feed auftauchen. Oder?
Bei der Frage nach gesunder Selbstoptimierung oder bedenklichem Selbstoptimierungswahn kommst du nicht darum herum, auf deine Motivation zu achten.
Machst du es ausschließlich, um andere zu beeindrucken? Machst du, weil dich jemand direkt unter Druck setzt und dir das Gefühl vermittelt, nicht gut genug zu sein? Oder machst du es, weil du die Verbesserung für dich willst?
So einfach diese Frage auch klingt, so schwerfällt dem einen oder anderen die Antwort darauf. Denn gesellschaftliche „Zwänge“ lassen sich nicht vollständig abschalten und wegdenken. Den eigenen Weg zu gehen ist eine Herausforderung und weitaus schwieriger als einfach das zu machen, was alle anderen machen.
Perfektion wird überbewertet
Immer wieder nachzuschauen, wo Verbesserungsbedarf im eigenen Leben besteht, ist richtig und wichtig. Solange es um tatsächliche Verbesserungen geht und nicht vermeintliche Perfektion oder utopische Ansprüche.
Sei zudem vorsichtig bei Trends und den Anforderungen anderer. Zwar können sie durchaus positiv sein, aber ebenso reichlich Energie rauben, ohne dir einen Vorteil zu bringen.








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